Viele Menschen kennen das: 30 °C in Spanien wirken angenehm, während sich 30 °C in der Schweiz oft deutlich belastender anfühlen. Schnell hört man Erklärungen wie: «Die Sonne scheint hier stärker», «Die Luft ist drückender» oder «Die Hitze ist einfach anders».
Doch was steckt tatsächlich hinter diesem unterschiedlichen Hitzeempfinden? Denn die Temperatur auf dem Thermometer ist dabei nur ein Teil der Geschichte.
Warum sich 28 °C in einem trockenen Mittelmeerklima oft angenehmer anfühlen als dieselbe Temperatur an einem schwülen Sommertag in der Schweiz, erfahren Sie in diesem Artikel.

Luftfeuchtigkeit und Geografie als wichtigste Faktoren
Die Schweiz liegt geografisch in einer Art Feuchtigkeitskorridor. Der Westwind bringt feuchte Luft vom Atlantik, Südwinde bringen feuchte Luft aus dem Mittelmeerraum. Ebenfalls verfügt die Schweiz über viele Flüsse, Seen, feuchte Böden und Vegetation, aus denen bei hohen Temperaturen viel Wasser verdunstet.
Diese grossen Feuchtigkeitsreserven führen dazu, dass bei viel Sonneneinstrahlung nicht nur die Temperatur steigt, sondern auch die Luftfeuchtigkeit. Das führt dazu, dass in der Schweiz mit der Temperatur auch die Luftfeuchtigkeit steigt.
Warum die Luftfeuchtigkeit relevant ist
Unser Körper kühlt sich vor allem übers Schwitzen. Ist die Luftfeuchtigkeit hoch, wie es im Sommer in der Schweiz oft der Fall ist, so kann der Schweiss schlechter verdunsten und die Kühlung wird ineffizienter. Dadurch fühlt sich die Wärme deutlich drückender an, oft sogar drückender als bei höheren Temperaturen mit weniger Luftfeuchtigkeit. Beispielsweise:
- 32 °C bei 70 % Luftfeuchtigkeit → oft sehr drückend
- 38 °C bei 20 % Luftfeuchtigkeit → kann sich trotz höherer Temperatur erträglicher anfühlen
Deshalb berichten viele Menschen, dass sich 35–40 °C in Teilen Spaniens, Italiens, Griechenlands oder im Landesinneren Kroatiens oft angenehmer anfühlen als 30–33 °C in der Schweiz.
Nächtliche Abkühlung
In vielen südlichen Regionen gibt es zwar sehr heisse Tage, aber die Temperaturen sinken nachts deutlich.
Als Beispiel:
- In Madrid sind es gerne mal 38 °C am Tag und nur 20 °C nachts
- In Zürich sind es zwar nur 33 °C am Tag aber trotzdem 23–25 °C nachts
Wenn die Nächte warm bleiben, können Gebäude und der menschliche Körper weniger gut abkühlen. Dadurch sammelt sich die Belastung über mehrere Tage an.
Warum ist das so?
Auch hier hat es mit der Luftfeuchtigkeit zu tun. Nachts scheint die Sonne nicht und die vom Boden gespeicherte Wärme wird als Infrarotstrahlung langsam wieder abgegeben. Ist die Luftfeuchtigkeit hoch, wirkt diese wie eine isolierende Schicht über dem Boden und fängt die abgestrahlte Wärme ab, bevor sie die Atmosphäre verlassen kann. Sie wirkt also quasi wie eine Art Decke, die die Wärmeeneergie speichert.
Gewöhnung und Bauweise
In vielen südlichen Ländern sind Häuser traditionell auf Hitze ausgelegt:
- dicke Mauern
- kleine Fenster
- Fensterläden
- helle Fassaden
- Tagesabläufe mit Mittagspause
In der Schweiz wurden Gebäude lange eher für kalte Winter als für extreme Sommer optimiert. Das reichte bis in die späten 90er Jahre, und von diesen Gebäuden stehen viele noch heute. Moderner Gebäudebau berücksichtigt Wärmeschutz jedoch weitaus mehr.
Fenster als Problem
Das Problem ist oft jedoch nicht die Dämmung gegen Wärme oder Kälte, sondern eher, wie die Wärme ins Gebäude gelangt. In der Schweiz werden gerne grosse Fenster verbaut für eine gute Aussicht und helle Wohnungen. Direkte Sonneneinstrahlung aufs Fenster transportiert jedoch innert kürzester Zeit Hunderte von Watt an Wärmeenergie ins Gebäude. Deshalb sind Aussenstoren wichtig, um im Sommer die Gebäude kühl zu halten.
Stadt versus Land
Schweizer Städte wie Zürich, Basel oder Genf speichern viel Wärme in Asphalt, Beton und Gebäuden. Dadurch kann es in der Stadt nachts 3–8 °C wärmer sein als im Umland. Das verstärkt das Gefühl von Hitze erheblich. Auf dem Land befinden sich mehr Grünflächen, welche für mehr Schatten sorgen und bei der Temperaturregulierung helfen.
Nicht überall im Süden ist die Hitze trocken
Das bekannte Argument «Im Süden ist die Hitze angenehmer» trifft vor allem auf Regionen mit trockener Luft zu, etwa Zentralspanien, Teile Griechenlands, Inland von Kroatien, und Südfrankreich. An manchen Küstenregionen oder in Norditalien kann die Luftfeuchtigkeit genauso hoch oder sogar höher sein als in der Schweiz. Dort fühlen sich 30 °C oft ebenfalls sehr drückend an.
Übrigens: Die gefühlte Temperatur
Aufgrund der Wechselwirkung zwischen Temperatur und Luftfeuchtigkeit verwenden Meteorologen deshalb oft die gefühlte Temperatur, auch Heat Index oder UTCI genannt. Sie verbindet Faktoren wie Temperatur, Wind, Sonneneinstrahlung und Luftfeuchtigkeit, um eine gefühlte Temperatur zu ermitteln. Als Beispiel:
- Lufttemperatur: 31 °C
- hohe Luftfeuchtigkeit
- wenig Wind
- starke Sonneneinstrahlung
Als Resultat: Das Thermometer zeigt 31 Grad an, die gefühlte Temperatur kommt aber über 40 °C zu liegen.
